Sie wird schuppig, rissig und rau: Der Winter setzt unserer Haut zu. Doch wann ist sie nur trocken und wann ist es Neurodermitis? Diese Krankheit bekommt mittlerweile jeder Siebte, immer häufiger auch Menschen über 50. Mit neuen Therapien lassen sich Entzündung und Juckreiz jedoch eindämmen.
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„Es begann an den Ellenbogen und den Armbeugen, in den Kniekehlen und an den Händen“, erzählt Katharina Ziegelbauer. „Ich bekam wunde Stellen, die sich über den ganzen Körper ausbreiteten.“ Der Juckreiz war so stark, dass die Wienerin nachts nicht mehr schlafen konnte. „Ich kratzte mich schließlich blutig, weil ich es einfach nicht ausgehalten habe.“
Die 52-Jährige leidet seit ihrer Jugend unter Neurodermitis, auch atopische Dermatitis genannt. Die einzige Therapie damals: Kortisonsalbe. Doch irgendwann half auch die nicht mehr. Besonders in Stress-Situationen bildeten sich erneut rote, rissige Hautstellen. „Und das passierte nicht nur bei Leistungsdruck wegen bevorstehender Schularbeiten, sondern auch bei eigentlich positivem Stress – etwa als ich mich verliebte und später in der Schwangerschaft.“
Trockene Haut ist weitverbreitet, besonders ab 50, wenn sie dünner wird und nicht mehr so viel Feuchtigkeit, Fett und Elastizität aufweist. Im Winter verstärkt sich das Problem durch Kälte und Heizungsluft.
Von allen Erwachsenen, die nicht schon als Kind Neurodermitis hatten, erkranken etwa vier Prozent. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber Veranlagung spielt eine Rolle. In mehr als 30 Abschnitten des Erbguts wurde ein Zusammenhang mit der Hautkrankheit gefunden.
„Die Neigung ist also vererbbar. Verschiedene Reize können dann der Auslöser für eine Neurodermitis sein“, erläutert Prof. Margitta Worm, Leiterin der Allergologie und Immunologie an der Charité in Berlin. Das Immunsystem kann zum Beispiel verstärkt auf Umweltreize reagieren. Auch Asthma oder Allergien wie Heuschnupfen sowie Unverträglichkeiten gegenüber Kuhmilch, Eiern, Nüssen und Soja können die Ursache sein.
Neurodermitis beginnt meist schubweise im Kindesalter. Erste Anzeichen sind rissige Mundwinkel und Einkerbungen an den Ohrläppchen. Während die Erkrankung in der Jugend manchmal verschwindet, kehrt sie zum Teil im Erwachsenenalter zurück – oft schlimmer als je zuvor.
„Seit einigen Jahren sehen wir immer mehr Patienten, die erst mit über 60 Symptome entwickeln“, sagt Prof. Andreas Wollenberg, Dermatologe aus Augsburg-Haunstetten. „Die Hautschutzschicht ist bei ihnen gestört – das macht die Haut empfindlicher und anfälliger.“ Dass die „schlummernde“ Neurodermitis im Alter erstmals oder wieder ausbricht, kann an Hormonen und den Wechseljahren liegen. Auch eine falsche Pflege schwächt die Hautbarriere.
Symptome richtig deuten
Gerade in der kalten Jahreszeit ist es schwierig zu unterscheiden: Ist das nur trockene Haut oder bereits Neurodermitis? Auch Schuppenflechte oder andere Ekzeme können ähnliche Symptome hervorrufen. „Man muss schnell die Ursache der schuppigen, wunden Stellen abklären und eine passende Therapie finden, sonst verfestigt sich die Erkrankung“, sagt Prof. Worm.
Zunächst fragen Ärzte nach den Beschwerden. Wie sich die Haut nach dem Kratzen verhält, ist ein wichtiger Anhaltspunkt: Gesunde Haut rötet sich, bei Neurodermitis wird die Haut weiß. Auch Allergietests kommen zum Einsatz. Es gibt zudem vier Merkmale der Neurodermitis. Für eine Diagnose müssen mindestens drei davon zutreffen:
Juckreiz
Entzündliche Hautveränderungen (bei Erwachsenen meist an den Innenseiten von Armen oder Beinen)
Chronische oder immer wiederkehrende Entzündungen
Andere Haut- oder Atemwegs-Allergien in der Familie.
Künftig sollen Gentests helfen, zwischen den verschiedenen Hautkrankheiten wie Neurodermitis, Schuppenflechte oder einem allergischen Ekzem zu unterscheiden.
Auch Sylvia Herrmann aus Augsburg hat lange versucht, ihre Neurodermitis in den Griff zu bekommen. Als junge Frau sollten ihr Kortison-Cremes und eine Kur in Davos helfen. Später machte sie Mutter-Kind-Kuren im Allgäu und an der Ostsee. „Ich probierte es mit Diäten, mit alternativen Heilmethoden eines indonesischen Arztes und einer Kombi-Therapie mit UV-Licht und Bädern“, erinnert sich die 59-Jährige. „Doch nichts half langfristig. Nach ein, zwei Jahren war die Neurodermitis wieder da – manchmal schlimmer als vorher.“
Therapie auf Zell-Ebene
Als in der Pollensaison immer schwerere Schübe mit starkem Juckreiz kamen, startete die Redaktions-Assistentin auf Anraten ihres Arztes eine neue Therapie. Seit 2023 spritzt sie sich nun alle zwei Wochen ein Medikament in den Bauch. Es gehört zu den Biologika, die seit einigen Jahren neue Hoffnung für Patienten bringen, die auf klassische Therapien nicht ansprechen.
Biologika, darunter vor allem die Wirkstoffe Tralokinumab, Lebrikizumab und Dupilumab, sind Antikörper. Sie wirken gezielt auf entzündungsfördernde Immunzellen und blockieren die Signalwege der Botenstoffe (Interleukine), die an der Entzündung der Haut beteiligt sind. „Die Biologika verringern den Juckreiz und den Entzündungsgrad langfristig“, sagt Dermatologe Prof. Wollenberg. „Sie sind in der Regel gut verträglich.“
Die Präparate werden nach ärztlicher Absprache gespritzt und eignen sich besonders für Patienten mit schwerer Neurodermitis, wie Sylvia Herrmann. „Schon nach den ersten Spritzen wurde es besser“, sagt die 59-Jährige, auch wenn es viele Wochen dauerte, bis sich die Haut regenerierte. „Die Neurodermitis ist zwar nicht weg und ich habe immer wieder leichte Schübe, aber das ist jetzt ein komplett neues Lebensgefühl.“
Nach wie vor benutzt die Augsburgerin nur spezielle Duschgels, Shampoos und Hautcremes und meidet zum Beispiel Chlorwasser und andere reizende Stoffe.
Wer einen schweren Verlauf der Krankheit hat, wird seit einigen Jahren auch mit JAK-Inhibitoren behandelt. Dies sind Wirkstoffe, die Enzyme blockieren, die an den Entzündungen beteiligt sind. „Die JAK-Enzyme werden gehemmt und die Entzündungsreaktion unterbrochen. Der Juckreiz nimmt dann schnell und spürbar ab”, sagt Charité-Medizinerin Prof. Form. JAK-Inhibitoren gibt es als Tablette oder Creme. Sie werden unter anderem verschrieben, wenn Kortison oder Biologie keinen Erfolg bringen.
Aber nicht nur Medikamente sind entscheiden, um eine Neurodermitis in den Griff zu bekommen. Für Katharina Ziegelbauer aus Wien spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Als ihr mit Anfang 30 keine Kur und keine Creme mehr halfen und ihre Haut durch das Kortison dünn und faltig wurde, stellte sie ihren Speiseplan um. Dafür beschäftigte sie sich intensiv mit der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). In dieser Heilkunde werden Lebensmittel zum Beispiel danach eingeteilt, ob sie Entzündungen fördern oder hemmen.
„Ich lasse jetzt weg, was mir nicht guttut, wie Kaffee, zu viel Zucker und Kuhmilch. Dafür esse ich viel Gemüse und mache mir morgens eine warme Mahlzeit. Ich achte jedes Mal darauf, wie mir das Essen bekommt”, sagt die 52-Jährige, die inzwischen als Ernährungsberaterin arbeitet und Bücher schreibt („Richtig essen bei Neurodermitis”). Ihre neue Lebensweise hat der Wienerin geholfen. Nach ein paar Jahren waren die roten, schuppigen Stellen an ihrem Körper nahezu verschwunden.
Auch die Fachärzte messen einer bewussten Auswahl der Lebensmittel große Bedeutung bei. „Doch von einer Ernährungsumstellung allein darf man keine Wunder erwarten”, sagt Prof. Wollenberg. „Das Darm-Mikrobiom beeinflusst zwar Allergien und die Hautgesundheit, doch eine gute Neurodermitis-Behandlung ruht auf mehreren Säulen.”
Der Dermatologe empfiehlt eine Therapie anhand des Stufenplans der medizinischen Leitlinie, an der sich Ärzte orientieren. „Wir haben so viele Möglichkeiten, um die Hauterkrankung zu lindern. Die gute Nachricht ist also: Niemand muss heutzutage mehr mit einer schweren Neurodermitis leben.”
Therapie in 3 Stufen
Je nach Schwere der Neurodermitis wird die Behandlung schrittweise angepasst:
Stufe 1: Basispflege bei leichter Neurodermitis Ziel: Hautbarriere stärken, Trockenheit lindern. Maßnahmen: Regelmäßiges und sorgfältiges Eincremen mit rückfettenden und feuchtigkeits- spendenden Basiscremes oder -salben. Pflegeprodukte: Cremes mit Harnstoff (Urea), Glycerin oder Ceramiden; möglichst parfümfrei und für empfindliche Haut geeignet. Zusätzlich: Milde Reinigung mit pH-neutralen Waschlotionen ohne Duftstoffe.
Stufe 2: Behandlung bei mittelschwerer Neurodermitis (leichte oder moderate Ekzeme) Ziel: Akute Entzündung und Juckreiz reduzieren. Maßnahmen: Zusätzlich zur Basispflege kortisonhaltige Cremes (erste Wahl) oder Calcineurin-Inhibitoren zum Auftragen auf die Haut (z. B. Tacrolimus-Salbe oder Pimecrolimus-Creme), wie vom Arzt verordnet. Anwendung: Kurzzeitig und gezielt auf den betroffenen Hautstellen, bis die Entzündung abklingt. Zusätzlich: Kühlende Umschläge. Raue Textilien vermeiden.
Stufe 3: Therapie bei schwerer Neurodermitis Ziel: Langfristige Kontrolle von Entzündung und Juckreiz. Maßnahmen: Spritzen mit Biologie (z.B.. Dupilumab) oder Einnahme von JAK-Inhibitoren bei sehr starkem Juckreiz und Entzündungen, wenn äußerliche Therapien nicht ausreichend wirken. Kortisontabletten nur kurzzeitig (maximal 3 Wochen). Überwachung: Regelmäßig ärztliche Kontrolle und Anpassen der Therapie je nach Reaktion der Haut. Zusätzlich: Psychologische Hilfe bei hohem Leidensdruck. UV-Therapie (nicht zusammen mit Calcineurin-Inhibitoren).
Neurodermitis: Hilfe für trockene & juckende Haut | Frau im Leben+plus