Im Gegenteil, sagt Zahnarzt Prof. Gerhard Schmalz: „Kaugummikauen schützt sogar vor Karies.“ Wie genau das funktioniert, erklärt der Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg im Interview
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Wie gesund ist Kaugummikauen?
SCHMALZ Sehr gesund! Das Kauen regt die Speichelproduktion an und der Speichel schützt Zähne und Mundschleimhaut. Er enthält Kalzium, das den Zahnschmelz remineralisiert, also stärkt. Außerdem puffert er Säuren aus der Nahrung sowie aus dem Zuckerstoffwechsel von Bakterien ab. Menschen, die zu Karies neigen, und Patienten, die unter Mundtrockenheit leiden, profitieren besonders vom Kaugummikauen.
Kann es das Zähneputzen ersetzen?
SCHMALZ Nein. Die mechanische Entfernung von Bakterienbelägen bleibt unverzichtbar. Kaugummikauen ist aber eine sinnvolle Ergänzung – zum Beispiel mittags: 20 Minuten reichen, um eine Säureattacke nach dem Essen gut abzufangen.
Aber nicht jeder Kaugummi ist gut, oder?
SCHMALZ Stimmt, er muss auf jeden Fall zuckerfrei sein – sonst hebt man den positiven Effekt sofort auf. Hilfreich ist laut Studien außerdem ein Zuckerersatzstoff wie Xylit: Der süße Geschmack gaukelt dem Gehirn vor, dass man Zucker isst. Das erhöht den Speichelfluss im Vergleich zu einem geschmacklosen Kaugummi deutlich.
Was halten Sie von Whitening-Kaugummis?
SCHMALZ Damit sollte man vorsichtig sein. Schleifstoffe zum Aufhellen können die Zahnhartsubstanz schädigen, vor allem wenn der Zahnschmelz bereits dünn ist. Und die Kaufläche ist ohnehin die am wenigsten gefährdete Zone – Zahnzwischenräume und Zahnhälse erreicht der Kaugummi gar nicht.
Wie viel Kauen ist okay?
SCHMALZ Im Prinzip kann ein gesunder Mensch den ganzen Tag Kaugummi kauen, ohne dass etwas passiert. Wer aber Kiefergelenkprobleme oder Beschwerden der Kaumuskulatur hat, sollte lieber darauf verzichten.
Wie lange sollte man ein Kaugummi kauen?
SCHMALZ Etwa 20 Minuten – so lange hält der erhöhte Speichelfluss an, bis der Kaugummi zu hart und unangenehm wird. Das reicht in der Regel aus, um die Säuren, die nach dem Essen im Mund entstehen, wieder abzupuffern – vorausgesetzt, man isst nicht ununterbrochen weiter. Wenn man über den ganzen Nachmittag immer wieder Süßigkeiten nascht und parallel Kaugummi kaut, funktioniert das natürlich nicht mehr.
Halten auch Füllungen und Zahnersatz das aus?
SCHMALZ Ja, auch Patienten mit Teilprothesen können bedenkenlos Kaugummi kauen. Füllungen, Kronen, Brücken – alle festsitzenden Versorgungen sollten den Kaugummi-Test bestehen. Tun sie es nicht, müssen sie ohnehin erneuert werden.
Kann Kaugummikauen eigentlich die Konzentration verbessern?
SCHMALZ Tatsächlich ja. Lesen oder Zuhören beansprucht bereits unsere Sinne – kommt durchs Kauen ein weiterer Reiz hinzu, kann das die Aufmerksamkeit zusätzlich steigern und so zum Beispiel das Lernen erleichtern. Deshalb ärgere ich mich noch heute, dass ich in der Schule immer den Kaugummi ausspucken musste, wenn die Stunde begann – er hätte meinen Fokus eher unterstützt, wie ich heute aus der Lernforschung weiß.
Forscher haben schon häufiger versucht, Kaugummis gegen Viren – etwa bei Grippe oder Corona – zu entwickeln. Ist das sinnvoll?
SCHMALZ Eine spannende Idee, denn wir infizieren uns häufig mit Atemwegserkrankungen, die per Tröpfcheninfektion aus Mund und Nase übertragen werden. Solch ein Kaugummi könnte die Virus- oder Bakterienlast im Mund reduzieren. Es kommt nur auf den Wirkstoff an. Problematisch wäre es, dauerhaft Antibiotika über den Kaugummi zuzuführen, da das Resistenzen von Bakterien fördert. Die Keime reagieren dann nicht mehr empfindlich auf Antibiotika. Kurzfristig könnte ein solches Produkt aber durchaus sinnvoll sein.