Diabetes vorbeugen: So können wir das Risiko senken | Frau im Leben+plus
Gesundheit
Diabetes vorbeugen: So können Sie aktiv werden
18.8.2026
7 Min.
Immer mehr Menschen haben zu hohe Zuckerwerte – oft ohne es zu wissen. Damit steigt das Risiko für schwere Folgeschäden an Herz, Nieren, Nerven und Augen. Doch mit einem gesunden Lebensstil können wir vorbeugen
und den Diabetes sogar dauerhaft in den Griff bekommen
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Grafik: Shutterstock.com
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Die Laborergebnisse sind jetzt da“, sagte die Hausärztin am Telefon. „Sie haben Diabetes Typ 2.“ Es ist Herbst 2023, als Jennifer Schweer diesen Anruf bekommt. Zwei Tage zuvor war die Niedersächsin zur Blutentnahme in ihrem Heimatort Bad Nenndorf, „weil ich mich schon eine ganze Weile schlapp und energielos gefühlt habe“, erzählt sie. Die Ärztin wollte der Ursache auf den Grund gehen und ließ auch den Nüchternblutzucker ihrer Patientin überprüfen.
Anhand dieses Wertes kann ein Diabetes Typ 2 festgestellt werden, eine Stoffwechsel-Erkrankung, die mit einem dauerhaft zu hohen Zuckerwert einhergeht. „Die Diagnose war wirklich ein Schock für mich“, betont die 49-Jährige. „Bei den Check-ups in den Jahren davor wurde nie etwas in der Richtung festgestellt.“ Jennifer Schweer zählt zu den 9,1 Millionen Menschen, die in Deutschland mit der Diagnose Diabetes Typ 2 leben. Und die Zahl der Patienten steigt mit jedem Jahr.
Was ist Diabetes Typ 2?
Die Körperzellen nehmen dabei nicht mehr so gut den Zucker aus dem Blut auf. Er bleibt im Blut und dadurch bekommen viele Zellen zu wenig Energie. Erste Symptome sind daher Erschöpfung, genauso wie gesteigerter Durst und vermehrtes Wasserlassen.
Laut Prognosen werden bis 2040 gut zwölf Millionen Deutsche an Diabetes erkrankt sein, 95 Prozent davon mit Typ 2. Die Folgen können gravierend sein, denn dauerhaft hohe Zuckerwerte schädigen die Blutgefäße und Nerven. Es kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenschwäche oder Augenproblemen bis hin zur Erblindung kommen.
Darum gibt es immer mehr Fälle
Ein Grund für die steigende Zahl der Diabetes-Fälle: „Wir werden immer älter – und Diabetes ist auch eine Alterserscheinung“, so Diabetologe und Chefarzt Prof. Karsten Müssig.
„Vor allem unser Lebensstil ist dafür entscheidend, ob wir die Erkrankung bekommen oder nicht.“ Und der ist immer häufiger ungesund: „Viele Menschen bewegen sich im Alltag zu wenig, essen zu oft einfache Kohlenhydrate und haben Übergewicht.“ Auch Jennifer Schweer arbeitete als Verwaltungsangestellte fast nur im Sitzen, machte kaum Sport und hatte Übergewicht. Bei Stress griff sie zu Süßigkeiten.
Diese Lebensweise kann dazu führen, dass sich Diabetes schleichend entwickelt und über Jahre hinweg unbemerkt bleibt. Die Vorstufe ist ein sogenannter Prädiabetes: In diesem Stadium ist der Blutzucker bereits erhöht, hat aber noch nicht die Schwelle zum Diabetes erreicht. „Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung leben mit dieser Vorstufe – meist ohne es zu wissen, denn Prädiabetes verursacht keine Symptome“, sagt Prof. Müssig. Doch schon diese leicht erhöhten Zuckerwerte können bleibende Schäden an Blutgefäßen und Nerven hinterlassen.
Auch bei Menschen mit gesundem Stoffwechsel steigt der Blutzucker nach jedem Essen, denn die Kohlenhydrate aus Brot, Nudeln oder Obst werden in Traubenzucker umgewandelt.
Wie entsteht Diabetes?
Infolgedessen schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus. „Es sorgt wie ein Schlüssel dafür, dass sich die Körperzellen für den Zucker aus dem Blut öffnen. Dadurch sinkt der Blutzuckerspiegel wieder”, erklärt der Experte.
Zu wenig Bewegung, zu viele einfache Kohlenhydrate und Übergewicht machen die Zellen unempfindlich für Insulin. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies auszugleichen, indem sie mehr und mehr Insulin produziert. Irgendwann ist sie überlastet und bildet immer weniger Insulin.
Dadurch gelangt wenig Zucker aus dem Blut in die Körperzellen und der Blutzucker steigt dauerhaft an, bis er schließlich die Grenze zum Diabetes überschreitet.
„Um Folgeschäden zu vermeiden, sind nicht immer Medikamente nötig. Mit gesunder Ernährung und Bewegung allein ließen sich die erhöhten Blutzuckerwert in vielen Fällen wieder normalisieren”, so Prof. Müssig.
Abnehmspritze kann helfen
Reicht das nicht aus, helfen zuerst Tabletten, die den Zucker senken. Wenn der Körper selbst nicht mehr genug Insulin produziert, müssen die Patienten es spritzen. Seit einigen Jahren kommt auch die „Abnehmspritze” zum Einsatz, wenn mindestens einer dieser vier Punkte zutrifft:
Hohes Risiko für die Entstehung von Folge-Erkrankungen
Übergewicht
Tabletten reichen nicht aus
Änderung des Lebensstils zeigt keine Wirkung
Die Abnehmspritze, die als Wirkstoffe z.B. Semaglutid und Tirzepatid enthält, hat gleich mehrere Effekte: Sie unterstützt den Blutzuckerabbau, regt die Insulin-Produktion an und bewirkt, dass man schneller satt ist, was zusätzlich beim Abnehmen hilft.
Remission ohne Medikamente
Jennifer Schwer gehört zu den Patienten, die es ohne Medikamente geschafft haben: „Ich wollte auf keinen Fall ein Leben lang Tabletten nehmen.” Ihre Diabetologin hatte ihr nahegelegt, sich mehr zu bewegen und sich kohlenhydratarm zu ernähren. Die Bad Nenndorferin schloss sich außerdem einer Selbsthilfegruppe an. Sie war hoch motiviert, ihre Lebensweise zu ändern: kein Brot mehr, keine Süßigkeiten, stattdessen viel Gemüse.
Zudem ging sie regelmäßig schwimmen, spazieren und ins Fitnessstudio. Mit jedem Tag fühlte sie sich fitter. Und die Waage bestätigte, dass die Pfunde purzelten. Drei Monate später waren bei der Kontrolle in der Praxis die Blutzuckerwert wieder im Normalbereich. „Ich war mehr als erleichtert!” Remission nennen Mediziner solche Fälle, in denen es gelingt, die Krankheit zurückzudrängen.
„Von einer Heilung kann man aber nicht sprechen“, stellt Endokrinologe Prof. Müssig fest. „Denn Diabetes kann zurückkehren, sobald man in die alten Lebensgewohnheiten wieder zurückfällt.“
Diabetes bei Frauen
Schon ein kleines Bäuchlein kann das Risiko für Diabetes erhöhen. Das bestätigt die Ernährungsmedizinerin Dr. Alba Sulaj aus Heidelberg: „Die Fettansammlung im Bauchbereich – genannt viszerales Fett – fördert Entzündungen und verschlechtert die Wirkung des Insulins. Ein Problem, das besonders Frauen nach den Wechseljahren betrifft.“
Der sinkende Östrogenspiegel verändert auch die Fettverteilung im Körper. „Frauen, die dann vor allem am Bauch zunehmen, haben ein erhöhtes Risiko für Diabetes“, sagt die Internistin. Zwar erkranken sie etwas seltener als Männer. „Aber wenn Frauen Diabetes haben, sind Insulinresistenz und starkes Übergewicht häufig ausgeprägter und sie bekommen öfter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einschließlich Schlaganfall.“
Das Risiko erkennen & senken
Rechtzeitig gegensteuern kann nur, wer die eigenen Zuckerwerte kennt. Allerdings werden sie nur alle drei Jahre beim Check-up 35 kontrolliert. „Für Menschen mit einem hohen Diabetes-Risiko ist dieser Abstand aber zu lang“, warnt Dr. Sulaj. Auch eine familiäre Veranlagung kann das Risiko erhöhen – allerdings nur bei einem ungesunden Lebensstil.
Um zu erfahren, ob man selbst Gefahr läuft, Diabetes zu entwickeln, lohnt sich ein Online-Risikotest(siehe Link und QR-Code unten rechts). „Die gute Nachricht: Wer seinen Lebensstil ändert, kann das Diabetes-Risiko um 40 bis 70 Prozent senken“, betont Prof. Karsten Müssig.
So helfen Sie Ihrem Blutzucker-Haushalt
Ganz entscheidend ist regelmäßige Bewegung. Sie verbessert die Insulin-Empfindlichkeit der Muskeln und Körperzellen und senkt den Blutzuckerspiegel. Wenn der Körper aktiv ist, nehmen die Zellen vermehrt Blutzucker auf, um ausreichend Energie zur Verfügung zu haben. Optimal sind täglich 30 Minuten Bewegung oder wöchentlich insgesamt 150 Minuten.
Wichtig: Man sollte nicht nur etwas für die Ausdauer tun, sondern auch zweimal die Woche Krafttraining machen – je mehr Muskeln vorhanden sind, desto besser wirkt das Insulin. Abnehmen hilft ebenfalls, die Zuckerwerte zu verbessern. Damit die Kilos purzeln, beschränkt man sich am besten auf drei Mahlzeiten am Tag und lässt das Snacken sein, denn nur in den Pausen zwischen den Mahlzeiten verbrennt der Körper Fett.
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn stabilisiert den Blutzucker. Einfache Kohlenhydrate aus Süßigkeiten, Softdrinks und Weißmehlprodukten lassen ihn dagegen schnell ansteigen. Deshalb besser darauf verzichten.
Selbsthilfegruppen können unterstützen
Dass sich rechtzeitige Veränderungen im Alltag lohnen, zeigt auch das Beispiel von Hansgünter Bischoff aus Recklinghausen. Um die Jahrtausendwende wurden bei ihm zweimal im Rahmen eines Gesundheits-Checks erhöhte Zuckerwerte festgestellt. Doch konkrete Ratschläge, wie er selbst gegensteuern könnte, bekam er damals nicht.
„Der Arzt meinte nur: Wir müssen Ihre Zuckerwerte im Auge behalten. Er hat nicht gesagt, dass ich etwas unternehmen muss.“ Nach einem dritten Gespräch mit dem Arzt kam Bischoff ins Grübeln – auch weil seine Eltern Typ-2-Diabetes hatten.
Er suchte schließlich einen Diabetologen auf und erfuhr dort, dass er bereits an Typ-2-Diabetes erkrankt war. Dann wurde Bischoff aktiv: Er nahm nicht nur Tabletten, sondern absolvierte auch eine Diabetesschulung und stellte seine Ernährung um. Außerdem bewegte er sich im Alltag mehr, ging regelmäßig schwimmen.
Nach einigen Monaten hatte er 13 Kilo abgenommen. Eine Selbsthilfegruppe hat ihn dabei unterstützt. „Der Austausch mit anderen half mir sehr und motivierte mich, dranzubleiben.“ Nach seinem Renteneintritt gründete er sogar eine eigene Gruppe.
Der Blutzuckerspiegel hat sich bei Hansgünter Bischoff dauerhaft verbessert. Seit 20 Jahren behält der heute 72-Jährige seinen gesunden Lebensstil bei und beweist: Mit kleinen Veränderungen können Diabetes-Patienten viel bewirken.