Schlechte Blutzuckerwerte und ein hoher Blutdruck können
die Netzhaut und damit die Sehkraft dauerhaft schädigen. Augenarzt Prof. Focke Ziemssen aus Leipzig erklärt, wie sich Menschen mit Diabetes am besten davor schützen
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Wer an Diabetes erkrankt ist, hat immer auch Probleme mit den Augen?
ZIEMSSEN Nein, aber das Risiko ist höher, Beschwerden zu entwickeln. Der Tränenfilm ist bei jedem zweiten Diabetes-Patienten gestört. Zu den häufigen Folgen gehören trockene Augen und verschwommenes Sehen. Starke Blutzuckerschwankungen können sich zudem auf die Brechkraft der Linse auswirken. Das sind unangenehme Begleiterscheinungen von Diabetes, aber weniger schlimm als eine diabetische Retinopathie.
Was ist das genau?
ZIEMSSEN Eine Folge-Erkrankung von Diabetes. Dabei verändern sich die Gefäße in der Netzhaut des Auges, insbesondere bei schlecht eingestellten Blutzuckerwerten oder mit zu hohem Blutdruck. Es kommt dann zu einer gestörten Durchblutung und oft zu einem Ödem, einer Schwellung der Netzhaut. Im späteren Stadium, auch proliferative Retinopathie genannt, entwickeln sich zudem neue, instabile Gefäße. Auf diese Weise versucht der Körper, die Durchblu- tung der Netzhaut wieder zu verbessern – allerdings erfolglos.
Was passiert dann?
ZIEMSSEN Im schlimmsten Fall kann sich die Netzhaut ablösen und das Auge einbluten. Dadurch besteht das Risiko, zu erblinden. Zum Glück trifft das nur auf zwei bis vier Prozent aller Fälle zu.
Was sind die Anzeichen für ein diabetisches Auge?
ZIEMSSEN Ist die Netzhaut bereits geschädigt, kann es zu verschwommenem, unscharfem Sehen kommen oder dunkle Flecken erscheinen im Sichtfeld.
Wer ist gefährdet, eine diabetische Retinopathie zu bekommen?
ZIEMSSEN Je länger Diabetes besteht, desto höher ist das Risiko. Über 90 Prozent der Patienten mit Typ-1-Diabetes erkranken nach 20 Jahren an diabetischer Retinopathie. Bei Typ-2-Diabetes sind es nach einem Zeitraum von 20 Jahren nur gut 30 Prozent.
Wie lässt sich das Risiko minimieren?
ZIEMSSEN Ein gesunder Lebensstil ist die beste Vorsorge. Das bedeutet: viel Bewegung und eine ausgewogene Ernährung mit vorwiegend pflanzlichen Lebensmitteln. Zudem sollten die Blutzuckerwerte immer gut eingestellt sein. Und Bluthochdruck muss behandelt werden.
Was kann man noch tun?
ZIEMSSEN Regelmäßige Untersuchungen zur Vorsorge sind wichtig. Denn je früher eine diabetische Retinopathie erkannt wird, desto besser lassen sich Komplikationen hinauszögern oder sogar verhindern. Das Problem ist nämlich, dass die Krankheit anfangs oft keine Beschwerden verursacht.
Wie oft sollten Diabetes-Patienten zur Früherkennung gehen?
ZIEMSSEN Mindestens einmal pro Jahr, wenn es bereits Probleme mit den Augen gibt. Meist genügt es, alle zwei Jahre zum Augenarzt zu gehen. Leider schaffen selbst das nur rund 60 bis 70 Prozent der Menschen mit Diabetes.
Woran liegt das?
ZIEMSSEN Manchen dauert es einfach zu lange, bis sie einen Termin beim Augenarzt bekommen. Ein Grund mehr, sich rechtzeitig darum zu kümmern. Ansonsten kann auch der Patienten-Service der kassenärztlichen Bundesvereinigung weiterhelfen, der rund um die Uhr erreichbar ist. Unter der gebührenfreien Telefonnummer 116 117 bekommen gesetzlich Versicherte innerhalb von vier Wochen Termine bei Fachärzten. Oft verdrängen Patienten, welches Risiko die Krankheit für das Sehvermögen mit sich bringt. Immerhin ist Diabetes die häufigste Ursache dafür, wenn Menschen unter 65 Jahren erblinden.
Wie behandeln Augenärzte die diabetische Retinopathie?
ZIEMSSEN Zum einen mit Medikamenten. Sie können eine Schwellung zurückdrängen und verhindern, dass die neu gebildeten, minderwertigen Netzhautgefäße weiter anwachsen und den Sehnerv beeinträchtigen. Ärzte spritzen die Wirkstoffe meist direkt in das Auge, nachdem es mit Tropfen betäubt wurde. Auch eine Laser-Behandlung kann helfen, die Sehschärfe zu erhalten. Dabei verödet der Arzt mit dem Laser das schlecht durchblutete Gewebe im Auge, sodass die restlichen Bereiche ausreichend Sauerstoff bekommen – und ein Fortschreiten der Erkrankung gestoppt wird.