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Unser Leben

ADHS in der Partnerschaft – wenn Chaos zur Belastungsprobe wird

5/21/2025
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Beatrice Oßberger
7 minutes

Zerstreut, unruhig, impulsiv: Die psychische Störung ADHS bleibt bei Erwachsenen oft unentdeckt. Das kann die Partnerschaft stark belasten. Zwei Leserinnen und eine Ärztin schildern mögliche Auswege und wie die Liebe wieder eine Chance bekommt

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Summary

Der Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Auswirkungen von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) in Partnerschaften. Anhand von Beispielen wird gezeigt, wie die Störung das tägliche Leben beeinflusst, insbesondere durch mangelnde Konzentration, Impulsivität und Vergesslichkeit. Die Diagnose erfolgt oft spät, da ADHS bei Erwachsenen unterschätzt wird. Die Behandlung umfasst Medikamente und Verhaltenstherapie, die helfen, den Alltag besser zu strukturieren. Trotz der Schwierigkeiten, die ADHS mit sich bringt, gibt es auch positive Aspekte wie Kreativität und Empathie. Der Artikel betont die Bedeutung von Unterstützung und Verständnis für Betroffene und ihre Angehörigen, um Beziehungen zu stärken und Folgeprobleme zu vermeiden. Weitere Informationen und Hilfe bietet der Verein ADHS Deutschland.

Ehefrau und Kindermädchen: „Mein Mann hat ADHS“

Dass ihr Partner viel spontaner und impulsiver ist als andere, fiel Christina Gabler* schnell auf. Peter* schien nur zu machen, worauf er Lust hatte, und kaufte, was ihm gefiel – ungeachtet seiner Finanzen. „Ich fand das zwar unerwachsen, aber nicht weiter tragisch“, erzählt die 52-Jährige aus der Region Köln-Bonn. Aus Rücksicht auf ihren Ehemann möchte sie nicht, dass ihre echten Namen veröffentlicht werden.

Erst als sie mit Peter vor 14 Jahren zusammenzog und das Chaos hereinbrach, wurde ihr bewusst, dass die Probleme tiefer liegen. Mit jedem Beziehungsjahr kriselte es mehr. Ständig hielt er Absprachen nicht ein, verlegte Dinge und brachte vom Supermarkt die falschen Lebensmittel mit. „Ich hörte gefühlt 100-mal am Tag: ,Das habe ich vergessen.‘ Wenn ich ihn kritisierte, ging er wie Rumpelstilzchen an die Decke.“ Irgendwann fürchtete Christina Gabler, ihr Mann könnte an Frühdemenz leiden. Bis ihr ein Bekannter von seiner eigenen ADHS-Diagnose erzählte. „In allem erkannte ich Peter. Und plötzlich wurde mir vieles klar.“

ADHS: Was ist das?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (siehe auch Kasten auf Seite 37). Die typischen Symptome sind mangelnde Konzentration, Hyperaktivität, innere Unruhe und Vergesslichkeit. Damit kann ADHS eine extreme Belastung für die Beziehung sein, weiß Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik. „Frauen können sich im Familienalltag nicht auf ihren Partner verlassen. Sie müssen ihm andauernd alles hinterhertragen und ihm alles dreimal sagen – nur damit er es doch nicht erledigt“, so die Expertin. Am Ende macht sich Ratlosigkeit und Frustration breit. „Man will ja nicht ständig das Kindermädchen seines Mannes sein, sondern einen Partner auf Augenhöhe haben – und natürlich merkt das der Betroffene und fühlt sich noch schlechter.“

Wenn die Diagnose zu spät kommt

Noch immer wird diese Krankheit unterschätzt, als Mode-Erscheinung abgetan und bei Erwachsenen oft gar nicht erkannt. „Viele Menschen glauben, die neurobiologische Entwicklungsstörung betrifft nur Kinder und verschwindet im Lauf der Jahre“, erklärt die Ärztin. „Dabei leiden 50 bis 60 Prozent noch im Erwachsenenalter daran, haben aber in der Schule nie die Diagnose erhalten.“ Häufig können Eltern ihre eigenen Symptome erst einordnen, wenn bei ihrem Kind ADHS festgestellt wird. Die Erkrankung ist nämlich erblich.

„So war das auch bei mir“, sagt Neuy-Lobkowicz. Die 65-Jährige, die in München und Aschaffenburg Arztpraxen betreibt, hat selbst ADHS, genauso wie drei ihrer fünf Kinder.

„Ich hatte das Gefühl, mich um ein drittes Kind kümmern zu müssen“

Auch bei Georg Keller* aus Nordrhein-Westfalen hat es lange gedauert, bis seine Symptome einen Namen bekamen und er Hilfe erhielt. Neun Jahre lang versuchte seine Frau Ingrid*, Struktur in das gemeinsame Leben zu bringen. Sie schrieb für ihn Merklisten und versuchte sich einen Reim darauf zu machen, warum ihr Partner, intelligent und mit Studium, nie lange einen Job behielt und alle Planungen an ihr hängen blieben. „Unser Gäste-WC hat er nach vier Jahren nur fertig renoviert, weil wir die Wohnung verkauft haben. Gleichzeitig konnte Georg aber bis spät in die Nacht hoch konzentriert mein Auto reparieren“, erzählt die 56-jährige Bankangestellte. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. „Ich hatte zwei Kinder aus erster Ehe mit in die Beziehung gebracht und das Gefühl, mich noch um ein drittes kümmern zu müssen.“ Als Ingrid Keller einen ADHS-Selbsttest für ihren heute 60 Jahre alten Mann ausfüllte und das Ergebnis eindeutig ausfiel, stellte sie ihn vor die Wahl: „Entweder du lässt dich untersuchen und holst dir Hilfe oder ich bin weg.“

Was im Gehirn passiert

Woher die psychische Störung kommt? Die Ursache ist ein Mangel an Dopamin und Noradrenalin an bestimmten Stellen im Gehirn. Die beiden Botenstoffe steuern die Motivation, Konzentration und Stimmungsstabilität. Bei Menschen mit ADHS stimmt diese Balance nicht mehr und ihnen fällt es deutlich schwerer, die Aufmerksamkeit zu halten. „Wenn sie etwas interessiert, sind sie durchaus in der Lage, sich zu konzentrieren. Hyperfokus nennt man das. Aber bei langweiligen Arbeiten werden sie von jedem äußeren Reiz abgelenkt“, betont die Ärztin Astrid Neuy-Lobkowicz.

Alltag mit ADHS – Sprunghaftigkeit und Chaos

Typisch für Betroffene ist, dass sie schwer in die Gänge kommen, ständig etwas suchen, verbummeln oder nur halb fertig machen. „Alles wird auf den letzten Drücker erledigt – wenn die Hütte schon brennt.“ Hinzu kommen Sprunghaftigkeit, schlechte Selbstorganisation und impulsives Verhalten. „Viele fühlen sich sofort angegriffen oder sind heftig im Austeilen.“

Medikamente und Therapie – der Weg in ein geordnetes Leben

Die Lösung? Medikamente, um den Dopamin- und Noradrenalin-Spiegel anzuheben, und eine Verhaltenstherapie, um Tagesabläufe besser zu strukturieren, realistische Ziele festzulegen und Impulse besser zu kontrollieren. „Psycho-Stimulanzien wie Ritalin sind der erste Schritt“, weiß die Expertin, „oft machen sie eine Therapie überhaupt erst möglich. Die Patienten profitieren unglaublich von dieser chemischen Brille und können auf einmal ihr ganzes Leben besser organisieren.“ Und die Partnerin merkt: Es war kein Unwille. Für viele Paare ist das der Neubeginn ihrer Beziehung.

Folgeprobleme vermeiden – frühzeitig helfen

Obwohl ADHS behandelbar ist, bekommen Erwachsene manchmal jahrelang keine oder die falsche Therapie. Mit ernsten Konsequenzen. „Ihr Leben ist ja dann viel anstrengender und die Kräfte sind schneller erschöpft. Es gibt Misserfolge im Job und aus dem persönlichen Umfeld hagelt es Unverständnis“, sagt Neuy-Lobkowicz. Die Folge: Fast 80 Prozent entwickeln zusätzliche Erkrankungen: Angststörungen, Depressionen, es kommt zu Suchtmittel-Missbrauch, aber auch zu Übergewicht oder Bluthochdruck. „Oft sehen unerfahrene Therapeuten und Ärzte nur die Begleiterscheinungen, während ADHS als Ursache darunter weiterschwelt.“

Der Wendepunkt

Auch Georg Keller wurde zunächst wegen Depressionen behandelt. Aus Angst zu versagen bekam der Elektroingenieur bei der Arbeit Panik-Attacken. Mittlerweile ist er berufsunfähig. „Dank der richtigen ADHS-Therapie geht es aber privat bergauf“, erzählt seine Frau Ingrid. „Wir streiten weniger, Georg fällt es leichter, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Und wichtige Entscheidungen fällen wir zusammen.“ Natürlich würden die Medikamente nicht alle Probleme lösen. „Aber ich weiß jetzt, wie ich sie anpacken kann: indem ich Georg nichts im Vorbeigehen sage, ihn um die Erledigung von höchstens zwei Aufgaben bitte und auch mal über die Unordnung hinwegsehe.“ Gemeinsam haben beide einen guten Weg gefunden und dafür auch an sich gearbeitet.

Liebevoll trotz ADHS

Toleranz, Ausdauer, Humor und der Blick auf die schönen Seiten sind hilfreich – das ist auch die Meinung von Christina Gabler. Ihr Mann sei so wie viele Menschen mit ADHS unglaublich liebenswürdig, kreativ und hilfsbereit. „Wenn ich erschöpft bin, umsorgt mich Peter von A bis Z. Und wenn wir in den Urlaub fahren, hilft er zwei Minuten vor der Abfahrt noch dem Nachbarn.“ Auch im Umgang mit den beiden Pflegekindern sei er sehr liebevoll und geduldig.

Unterstützung für Angehörige

Dennoch bleibt das Leben mit einem Partner, der ADHS hat, anstrengend. Kraft und neue Impulse findet Christina Gabler in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige. „Außenstehende können ja oft nicht nachvollziehen, wie nervenaufreibend der Alltag sein kann und dass es mit To-do-Listen nicht getan ist“, erzählt sie. Viele Paare aus ihrer Gruppe hätten sich bereits getrennt. Umso wichtiger ist es ihr, über das Thema zu sprechen und sich für mehr Aufklärung in der Gesellschaft, schnellere Diagnosen und besser ausgebildete Therapeuten starkzumachen: „Denn je eher Menschen mit ADHS geholfen wird, umso seltener scheitern sie – und ihre Beziehungen.“

* Name von der Redaktion geändert

ADHS: die Fakten

Etwa fünf Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben ADHS, Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Die Krankheit geht einher mit eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit, unüberlegtem Handeln und übersteigertem Bewegungsdrang. „Wenn die Hyperaktivität nicht vorhanden ist, dann spricht man vom unaufmerksamen Typ oder von ADS, der ruhigen und verträumten Variante“, erläutert Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Oft gibt es auch Mischformen. „Viele Erwachsene haben zudem gelernt, ihre Hyperaktivität zu verbergen, sind aber innerlich angespannt und hibbelig.“

ADHS hat auch positive Seiten

Wer ADHS hat, ist laut Neuy-Lobkowicz oft intuitiv, offen, flexibel und kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen. Ideal seien daher Berufe, die abwechslungsreich und kreativ sind.

Menschen, die wir kennen

Immer mehr Prominente machen ihre Diagnose öffentlich, um Vorurteile abzubauen. Darunter:
🔹 Eckart von Hirschhausen
🔹 Bill Gates
🔹 Laura Karasek
🔹 Sarah Kuttner.

Infos & Hilfe

→ Infos bekommen Betroffene und Angehörige beim Verein ADHS Deutschland, der ein bundesweites Beraternetz hat:
🌐 www.adhs-deutschland.de (http://www.adhs-deutschland.de/)